
Als die ersten dichten Schneeflocken das heilige Land mit einem Hauch von Zuckerwatte benetzten, wusste Leyla: Weihnachten – das Fest der Liebe und des Miteinanders – war nah. Sie freute sich auf das bunte Treiben all der herrlichen Weihnachtsmärkte, das beglückende Quieken der Kinder während einer Schneeballschlacht und das herrliche Beisammensein unterm geschmückten Weihnachtsbaum. Und Leyla wollte dieses Jahr unbedingt das Mädchen mit den magischen Wunderkerzen treffen, von dem sie schon so viel hörte. Einst umrankte jenes Mädchen eine tiefe Traurigkeit, als sie unerwartet und viel zu früh ihre Mutter verlor. Jahrelang schlich das Mädchen am heiligen Abend von Haus zu Haus, um Streichhölzer anzupreisen, die ihr ihre Mutter einst gab. Doch niemand schien Streichhölzer kaufen zu wollen. In einer der kältesten Nächte zwischen den Jahren – so erzählten sich die alten Leute im Dorf – entfachte das Mädchen aus allen Streichhölzern ein warmes Feuer, nachdem sie in einer Flamme die Vision ihrer Mutter erblickte. In der Wärme dieser Nacht fühlte sich das Mädchen mit ihrer Mutter wieder vereint. Lange Zeit glaubte man, das junge Mädchen hätte in jener Nacht den großen Geist des Ewigen geküsst. Doch dann tauchte es vor einigen Jahren als wunderschöne Frau genau an Weihnachten wieder auf. Es hieß, jeder, der auf dem Weihnachtsmarkt des Dorfes an den Stand der sagenumwobenen Frau trat und sich eine Wunderkerze anzünden ließ, würde in der knisternden Flamme etwas finden, das sich bereichernd auf das weitere Leben auswirke. In den letzten drei Jahren besuchte Leyla immer genau am Heiligen Abend den Markt, um die Frau mit den magischen Wunderkerzen anzutreffen. Doch jedes Mal umschlossen so viele menschliche Trauben die Frau, dass Leyla nie zum Zuge kam. Dieses Mal würde Leyla einfach früher loslaufen.
Dann war es endlich soweit. Die Weihnachtsglöckchen ertönten, überall dufteten Weihnachtsleckereien und wurden Kerzen entzündet, während frühe Besucher des Abends sich mit Glühwein ein frohes Fest wünschten. Als Leyla Weihnachtslieder summend durch die Gartentür zur Straße schritt, sah sie, wie die Frau mit den magischen Wunderkerzen im Begriff war, sich ihrem Haus und Hof zu nähern. Sie trug ein goldenes Gewand mit lauter Sternen und kleinen Englein bestickt. Leyla war noch damit beschäftigt, den Anmut dieser Frau zu bestaunen, als die Frau das Wort ergriff: “Frohe Weihnacht, liebe Leyla! Du suchst nach mir, um eine magische Wunderkerze für dich anzuzünden, stimmts?” Leyla antwortete staunend: “Ja, das ist richtig. Seit drei Jahren versuche ich schon mein Glück. Woher weißt du das?” “Das haben mir die lieben Englein geflüstert”, entgegnete die Frau. “Warum möchtest du denn eine Kerze anzünden?” Leyla überlegte kurz: “Nun ich kenne einige Menschen,
die bei dir waren und sich nach dem Anzünden einer Kerze so sehr positiv verändert haben. Da ist z.B. Yasper, der immer gern den Leuten im Dorf Streiche spielte oder Jasmin, die sich über alles nur beschwerte. Und jetzt sind sie im Herzen so friedlich und hilfsbereit. Gar nicht mehr wie vorher. Bei anderen heilten Krankheiten aus. Wenn Wunderkerzen durch das Abbrennen die Kraft haben, uns Menschen und die ganze Erde in einen besseren Ort zu verwandeln, dann möchte ich sehr gern auch dazu beitragen und eine Kerze anzünden.” Die Frau mit den magischen Wunderkerzen schaute Leyla mitfühlend an. Fast wirkten die Blicke wie eine sanfte Umarmung auf Leyla. Minutenlang standen die beiden Frauen voneinander, hielten sich an den Händen und genossen den Moment des Beisammenseins. Dann ergriff die Frau mit den magischen Wunderkerzen erneut das Wort: “Weiß du Leyla, ich liebe meine Wunderkerzen genauso, wie ich einst den warmen Strahl der Streichhölzer liebte. Es ist das Licht, das selbst die dunkelste Finsternis erträglich macht und sich in ein Paradies verwandeln kann. Und genau das ist es, was damals in meiner dunkelsten Nacht passierte. Als Kind wollte ich in jener Nacht so sehr dort sein, wo meine Mutter hingegangen war. Und das Licht holte sie einen Moment lang für mich zurück. Aber es zeigte mir auch, dass sie noch immer in meinem Herzen wohnte und mich somit niemals wirklich verlassen hatte. Diese lebensbejahende Erkenntnis teile ich nun mit meinen Wunderkerzen. Diese Magie der Erkenntnis ist es, die all die Menschen zu mir bringt und warum sie so gern auch eine Wunderkerze anzünden wollen…” Leyla hörte der Frau gebannt zu, um ja kein Detail zu verpassen. “Leyla, es sind nicht die Wunderkerzen, die all den Menschen half, ihre Leiden zu beenden. Es ist das Licht, das sie daran erinnert, wer sie sind und welche Schätze in ihnen selbst verborgen sind. Es ist das Licht, das ihre dunklen Gedanken vertreibt und ihnen neue wertvolle Impulse schenkt. Gern möchte ich dir nun eine meiner Wunderkerzen schenken. Entzünde sie, wann immer du dich im Herzen bereit fühlst.” Leyla bedankte sich und sah der Frau mit den magischen Wunderkerzen noch eine Weile nach.
Am Himmel leuchteten Millionen Sterne um die Wette. Im Garten hatte Leyla ein loderndes Lagerfeuer errichtet, denn gleich würden Familie und enge Freude kommen, um mit ihr Weihnachten zu feiern. Leyla genoss den Augenblick der Stille, die nur ab und zu durch das freudige Gebell ihres Hundes unterbrochen wurde. Dann entzündete sie feierlich ihre Wunderkerze. Im Schein des Lichtes schickte sie Friedensgebete um die ganze Welt. Denn das ist, was sich Leyla von ganzem Herzen für sich und alle anderen wünscht: Frieden im Herzen und auf der Erde. Und das Licht flackerte wissend.
Mantra: Ich bin voller Licht, das aus mir heraus leuchtet.
In dunklen Wintertagen zünde ich gern Kerzen an. Und sofort wird es um mich herum heller im Raum. Denn Licht bricht jede Dunkelheit. Das klappt im Außen genauso wie in mir selbst. Bemerke ich einen dunklen Fleck in meinem Gemüt oder es meldet sich ein schwieriges Thema, dann bringe ich Aufmerksamkeit hinein. Ich werde mir bewusst, dass da etwas ist, das mich zwackt. Dadurch erhöhe ich die Chance, in mir friedlicher zu sein durch Auflösen eines dunkleren Flecks in mir. Unter etwas Dunklem verstehe ich grundsätzlich die Abwesenheit von Bewusstsein oder Licht. In dunkleren Nischen bildet sich gern auch mal Angst, die ungesunde Formen annehmen kann, wenn sie sich zu lange auf einem Fleck konzentriert. Manchmal reicht es schon, mit etwas Licht in eine dunkle Ecke zu leuchten und schon fühlt es sich heimeliger dort an.
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